Blick von oben auf den Ausschnitt eines Ziegeldaches.

PostbotInnen und LehrerInnen. Von oben besehen.

Alltagsträumereien

Letztens traf ich nach längerer Zeit meinen alten Bekannten Karl-Heinz wieder (*Name von der Redaktion geändert). Karl-Heinz ist Grundschullehrer, oder vielmehr war Grundschullehrer. Ich stand mal wieder mit meinem mir lieb und teuer gewordenem Design-Fahrrad an der geschlossenen Schranke in unserem Dorf. Dazu muss ich kurz erläutern, dass der Normalzustand dieser Schranke der Geschlossene ist. Ich glaube, würde man sich die Mühe machen die Zeiten des Zustands „Offen“ dieser Schranke zu messen – es wären nur einige Minuten innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Vor mir auf dem Radweg scherte also der alte, aus dem Auspuff leicht rußende, VW-Transporter der Deutschen Post ein und aus stieg Karl-Heinz. Moin. Moin. Nach einem kurzen hin und etwas ausgiebigerem her, K-H war in Eile, seine Route gäbe nicht viel Zeit zum Schnacken, würde er einigermaßen zeitig Feierabend machen wollen, verabschiedeten wir uns auch schon wieder. Glücklich sei er, die beste Entscheidung seines Lebens sei es gewesen in den Kurierdienst zu wechseln, ließ er mich noch wissen. Auch sein Tinnitus sei fast ausgeheilt, seitdem er nicht mehr unterrichte. Außerdem die viele frische Luft, er hätte auch wieder geheiratet und jetzt vor Weihnachten, es war Dezember letzten Jahres als ich ihn traf, stimme sogar das Trinkgeld. Karl-Heinz stieg wieder in seinen gelben Bus und fuhr ab, der nächsten Hausnummer entgegen. Ich blickte immer noch etwas überrascht und geistesabwesend auf die sich öffnende Bahnschranke.

*Auch sein Tinnitus sei fast ausgeheilt, seitdem er nicht mehr unterrichtet.

Der Beruf eines Postboten, so sinnierte ich, ist sicherlich auch nicht immer ganz einfach. Aber wie würde er erst aussehen unter den Bedingungen eines Grundschullehrers? Klar, sagst Du, lange Ferien, viel Kohle und Nachmittags frei. Die Realität sähe allerdings wohl anders aus. Nach Feierabend würde Karl-Heinz zuerst einmal darüber nachdenken, wie der Tag gelaufen wäre. Wie haben sich die Briefe und Päckchen ausliefern lassen und sind wohl alle wirklich richtig angekommen? Mit seinen Kollegen würde er noch einige Zeit zusammen sitzen und diese oder jene spezielle Postsendung erörtern. Manche hatten doch wirklich kein passendes Format. Zuhause am Computer würde K-H vielleicht noch einige Einfälle für den besseren Arbeitsablauf am nächsten Tag seinen Kollegen mitteilen. Bis 23.00h säßen die sicher auch noch vor ihrem Mailprogramm oder am Smartphone. Morgens ginge es dann wieder früh raus. Auf der Poststelle herrschte dann schon einiges an Tumult. Die Postkarten sprängen schon wild in der Gegend herum und müssten ihren Verteilerfächern zugeordnet werden. Die Briefe und Päckchen träfen zum Glück erst später ein, sind aber dann umso schwieriger zu sortieren. Während der Fahrt zum Einsatzort geschähen merkwürdige Dinge. Karl-Heinz wäre sich sicher gewesen alles nach Postleitzahlen, Stadtteilbereichen und Straßen ordentlich sortiert zu haben, aber irgendwie geriete während der Fahrt immer alles durcheinander. Nach der halben Tour würde Karl-Heinz kurz auf eine Parke fahren um Pause zu machen. Doch kaum ist die Brotdose geöffnet und der Kaffee eingeschenkt, klingelte das Telefon und ein paar besorgte Empfänger fragten nach ihren Postsendungen. So oder ähnlich sähe der Tag eines Postboten aus, wären die Postsendungen die Grundschulkinder. Aber K-H hat ja den für sich richtigen Weg gewählt und arbeitet jetzt an der frischen Luft. Als Lärmkulisse nur der Diesel unter ihm. Stinkig und alt, aber ehrlich.