Ein Rest Schnee, ein Eimer, eine Möhre, ein Besen und zwei Steine liegen auf einem Rasen.

Langsam wär mehr. Und etwas leiser bitte.

Alltagsträumereien

Stille. Ich lag im Bett und um mich herum vollkommene Stille. Selbst der eigene Atem schien leiser als sonst. Und dazu diese absolute Dunkelheit. Wobei dieses Adjektiv die Abwesenheit von Licht weder ausreichend beschreibt, noch diesem Zustand irgendwie schmeichelt. Keine Laterne, kein Autoscheinwerfer, der sein Licht an die Wand wirft, von links nach rechts über die Raufasertapete ziehend. Nichts.

Kein Vogel, der sich äußerte. Kein Frosch, der nach Fröschinnen geilte. Nichts. Noch nicht einmal, und das war am erstaunlichsten dort im Norden an der Küste, das Summen einer Mücke. Zu kalt wohl. Sicher nicht zu trocken. Aber einmalig.
An einen einsamen Abschnitt dänischer Küste hatte es mich vertrieben in jenem Sommer. Keine Animation, keine Pølserbude in der Nähe. Kein motorisiert erreichbarer Badestrand. Nur sehr viele Wege, vielmehr Pfade, die zum Verirren einluden. Was ich oft genug gerne tat. Und Kiefern, Himmel, Wolken und Sauerstoffüberfluss.
Hier und da begegnete ich auf meinen langen Läufen Leuten aus der Nachbarschaft. Wir grüßten uns, still mit dem Kopf nickend. Selbst die mitgeführten Hunde schienen das Schweigegelübde abgelegt zu haben, sie kläfften nicht, höchstens geschnüffelt wurde, an meinen Hosenbeinen, an meinen Händen. Vielleicht, so ging mir dort Abend für Abend der Gedanke kurz vor dem Einschlafen durch den Kopf, ist das hier am Ende das Paradies. Ich bin gar nicht in Dänemark, ich bin im Himmel. Nur der ständige warme Sommerregen negierte diese Vermutung.

In dem darauf folgenden Jahr denke ich oft zurück an diese kurze Zeitspanne – Urlaub hat einstweilen etwas Melancholisches an sich. Und wird allzu schnell von der Wirklichkeit eingeholt.

Dänemark hat inzwischen gewählt. Im Juni 2015 entschieden sich die Dänen für eine Koalition mit rechtspopulistischem Hintergrund. Ade mein lieb gewonnenes Traumland. Aber auch hier zu Lande hat sich einiges verändert. Es brennen wieder Häuser: Flüchtlingsunterkünfte und Scheunen von gesellschaftlich anerkannten Antifaschisten. Und die Brandstifter im Geiste polemisieren. Auch im noch neuen 2016 haben scheinbar wieder einige Bürger dieses Landes vergessen worum es im Leben geht. Und wie verdammt gut es uns hier in unserem Leben eigentlich geht. Sie sind wenige. Erhaschen aber mit ihrem Lärm leider mehr Aufmerksamkeit, als ihnen zusteht. Der Mob applaudiert. Hoyerswerda reloaded.

Und so ist es eben auch zu schaffen. Artikel über den Bürgermeister von Altenau vom 26.02.2016 auf deutschlandfunk.de.

Ich bin froh über die Reaktion der meisten Menschen in diesem Lande in den vergangenen Monaten. Über die zahlreiche Hilfsbereitschaft, die sogenannte Willkommenskultur, die teilweise Partycharakter erreichte. Happyness and Fun. Love and Proud. Auch wenn ich sicher nicht all ihren Ideen, und noch weniger den Ideen einiger ihrer Regierungsmann- und frauschaft, zustimmen kann: Ich begrüße den derzeitigen Kurs der Bundeskanzlerin, den sie mit der Aufnahme der Flüchtlinge eingelegt hat. Stur und nachhaltig hält sie ihren eingeschlagenen Weg. Mittlerweile wurden aber auch einige ihrer Hürden von Dritten genommen. Die Flüchtlingsroute ist derzeit aufgrund der Einreisebeschränkungen Österreichs und südlich davon beinahe zum Sperrgebiet erklärt. Mittlerweile erreichen nur noch wenige Hilfesuchende das „rettende“ Bayern. Dafür bahnt sich in Griechenland an der mazedonischen Grenze eine humantäre Katastrophe an. Wird Bundeskanzlerin hier eine europäische Lösung finden. Werden endlich Europas Grenzen einig? Oder zerbricht der europäische Gedanke am Schlagbaum?

Wieder liege ich im Bett und es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur der Rechner fährt noch rauschend herunter. Morgen wieder ein Tag.So still wie meine Erinnerung an diesen kurzen Urlaub im europäischen Ausland wird er sicher nicht. Aber sicherlich schneller. Zu schnell für mich, denke ich. Zu schnell für die Welt. So wie die Winter, die kommen und dank Klimaerwärmung sofort wieder gehen. Zum Schneemann bauen bleiben wenige Stunden bevor die Sonne die liebevoll angebrachten Accessoires schon wieder auf dem immer noch grünen Februarrasen verteilt. Langsam wärmer – Langsam wär mehr.