Geh da weg! – Schubladen mit Bodensatz

Alltagsträumereien

Es ist heiß. Aber so wollte ich das doch seit mehr als sechs Monaten. Herbei gesehnt habe ich die Zeit, in der ich einfach so im T-Shirt raus gehen kann um die stinkende Mülltüte zu entsorgen, ohne Mütze, Schal und Wintermantel, ohne dieses lästige Anlegen einer Schutzkleidung gegen die norddeutsche Witterung und ohne mir dabei eine Lungenentzündung zuzulegen. Endlich ist ES warm. Und was tue ich. Ich schwitze. Auf meinem Fahrrad. Denn auch Fahrrad fahren macht ja im Sommer erst so richtig Spaß.

Nur leider wärmt es genauso wie im Winter. Auch, wenn ich wirklich ganz langsam auf meinem Weg zur Arbeit bin. Mit dem Resultat, dass die soeben verabreichte morgendliche Reinigungstoilette meinen KollegInnen nicht gewahr wird und ich dampfe wie frisch einer finnischen Sauna entstiegen. Das Adjektiv „frisch“ bezeichnet dann allerdings keineswegs meinen Zustand.

Tja, der Mai war gekommen. Und das mit einem einmaligem, fantastischen Event in Dortmund. It’s Mayday. Das sollte Mann und Frau sich wenigstens einmal im Leben gönnen. 20000 Raver pflegen einen Tag und eine Nacht „gemütliches“, weltoffenes und tolerantes Beisammensein mit guter Musik. Von der habe ich zwar nur die Bässe per Vibration wahr genommen, weil ich natürlich den besten Gehörschutz getragen habe, will ja schließlich noch ne Weile auch leise Musik hören können, aber der Spaßfaktor hat darunter nicht gelitten. Zum Runterkommen nach dem Schwof empfehle ich den Kumpel Erich, der gleich um die Ecke der Dortmunder Westphalenhalle liegt. Man kann natürlich auch bis morgens um 9.00h dem Off-Beat auflauern und auf eine der Aftershowpartys gehen. Dann sollte man sich aber auch den Montag noch freihalten, um zu renaturieren, bevor man seinen Arbeitskollegen wieder unter die Linse tritt (s. o.). Zur Mayday-Info.

Die Sommerzeit entfaltet noch ganz andere Kräfte, wenn man sie denn nur lässt. Scheint die Sonne gegen Abend recht schräg ins heimatliche Verlies, wundert sich der eine oder die andere unter Umständen über den respektablen Schattenwurf verschiedener, eigentlich eben geglaubter Flächen. Beim näheren Hinsehen kann man dann erkennen, dass besagte Oberflächen durch diverse Schichten bedeckt sind. In archäologischer Chronologie kann man sich dann durch das vergangene Winterhalbjahr graben: abgelegte Schals und Handschuhe, Strickzeug, Kerzenstummel, Konfetti und zerlegtes Tischfeuerwerk, Neujahrsgrüße, Geschenkanhänger und Weihnachtswunschzettel, längst entleerte Adventskalender, jede Menge Kronkorken und unter den Halloweenmasken schließlich die als vermisst gemeldete Schwimmbrille vom letzten Urlaub.

Manch eineR kommt da vielleicht auf die Idee aufzuräumen, auszumisten oder gar zu renovieren. Nur zu. Draußen ist ES eh zu heiß, um dem Tatendrang und der körperlichen Bewegung freien Lauf zu lassen. So kann jetzt mit dem nötigen Abstand auf das eigene Werken zurück geblickt werden. Hier und da finden sich in der Wohnung noch zurück gelassene Reliquien vergangener Festaktivitäten (s. o.). Ich selbst habe gerade unter einem Stapel angelesener Bücher (u. a. „Mein Kräutergarten“, „Aktivitäten für das Frühjahr“ und „Weg mit dem Winterspeck“) einen Adventskranz hervor gegraben.
Doch wohin damit. Klar der Kranz an sich, also das verblichene Grün und deren Trägermaterial landen im Staubsauger. Aber die schmückenden Accessoires? Viel zu schade zum Wegwerfen. Also die entsprechende Schublade auf und rein …, aber da sind sie wieder, die stratigraphischen Schichten, Ansammlungen vergangener Zeitepochen und ganz unten der Bodensatz, zu feinstem Staub zermahlene Reliquien gelebter Dinglichkeit. Bevor ich mir dann nach der Schublade auch noch die Rückwand besagten Schrankes vornehme ziehe ich die Notbremse – ab ins Freibad!