Eine Erdnuss liegt vielen anderen Erdnüssen - dicht an dicht

Die Welt ist eine Erdnuss

Alltagsträumereien

Es ist spät am Abend. Aber Samstag. Vielleicht ist es auch spät am Abend, weil Samstag ist. Zeit für den „Club der Republik“. Für Musik. Abseits des Alltags träumen von und über bunte Republiken, gegebenenfalls betrauern ehemals bunter. Entspannt dem Beat lauschen, Gedanken schweifen lassen, eventuell ein wenig am nächsten Blogbeitrag basteln und …
„Mein Vater, mein Vater, warum fotografierst du Erdnüsse?“ Ich schrecke auf und lasse fast die Kamera fallen. Nur der Umstand, dass ich sowieso auf dem Boden, kauere verhindert dies. Das Foto kann ich vergessen. Neben, oder eher über mir steht mein jüngster und starrt mich mit einem Gesichtsausdruck zwischen Verständnislosigkeit und Mitleid an. Ich muss meinen Kopf in meiner gegenwärtigen Position sehr weit in den Nacken legen, um sein Gesicht sehen zu können. Auch „Jüngste“ werden beizeiten ganz schön groß. Er verlässt die Bühne ohne meine Antwort abzuwarten. Ich hatte eigentlich auch keine. Außer, dass ich im Keller soeben einen kleinen Vorrat sehr großer Erdnusstüten entdeckt hatte und mit sichtlicher Hingabe den Inhalt einer dieser Tüten zum Teil verzehrte, zum anderen Teil damit die Küche voll gekrümelte. Eigentlich sind die letzten Erdnüsse immer schon kurz nach Silvester aufgenagt und nur vereinzelt herumliegende Exemplare mumifizieren in diversen stehen gebliebenen Dekoschalen vor sich hin. Vor Weihnachten letzten Jahres habe ich jedoch einen kleinen Hamstervorrat angelegt. Dieses Jahr habe ich also noch reichlich Erdnüsse im Haus. Haltbar bis 17. Juni 2017, laut Verpackungsaufdruck. Bis weit in den Sommer hinein werde ich also noch wunderbar frisch geröstete Erdnüsse aus den Vereinigten Staaten von Amerika genießen können. Danach ist Schluß. Ich werde keine Erdnüsse Made in USA mehr kaufen können.

Ich weiß nicht, wann ich meine erste Erdnuss gegessen habe. Aber ich weiß noch wie ich meine eigene Erdnussplantage mit dem beiliegenden Gimmick des Yps-Heftes 75 anlegte und stolz eine reiche Ernte einfuhr. Muss so ungefähr 1977 gewesen sein. Damals war Jimmy Carter Präsident der Vereinigten Staaten. Ein recht beliebter sogar. Carter war Erdnussbauer und da alle oder zumindest viele Carter toll fanden, fand ich auch Erdnüsse toll. Außerdem hatte ich ja jetzt, dank Yps, einen bodenständigen Bezug zu dieser Frucht.

Eine Zeit lang, so um 2012 herum bekam man in den einschlägigen Supermärkten plötzlich keine oder kaum noch Erdnüsse amerikanischer Herkunft. China hatte den Erdnussmarkt für sich entdeckt und konnte offensichtlich günstiger liefern. Obwohl ich ansonsten keine Waren chinesischer Herkunft vermeide, viele meiner Kleidungsstücke kommen aus dem Reich der Mitte, war mir die Herkunft meiner Erdnuss heilig. Ich boykottierte chinesische Erdnüsse. Erdnüsse aus China kaufte ich nicht. Dementsprechend waren diese Früchte einige Jahre Mangelware in unserem Haushalt. Die Nachfrage entsprechend groß, aber die Konsequenz meines Boykotts zahlte sich letztendlich aus. Die chinesische Erdnuss konnte sich nicht durchsetzen. Seit einigen Jahren gibt es sie wieder in reicher Auswahl aus US-amerikanischer Produktion.

Aber einiges ist anders seit Januar diesen Jahres. Ein gewisser Donald ist Präsident der USA und leider nicht der aus Entenhausen. Ich werde also in diesem Jahr, wenn es auf die Weihnachtszeit zugeht keine Erdnüsse kaufen. Deshalb der Vorrat. Vielleicht, so meine Hoffnung habe ich dann auch noch gar keine Lust, wieder Erdnüsse zu essen. Vielleicht esse ich in diesem Jahr wieder Wahlnüsse. Vom Baum einiger Freunde aus deren Garten oder die dicken großen aus Frankreich. Vielleicht esse ich auch gar keine Nüsse mehr, weil der Winterspeck bis zum Juni, also bis mein Vorrat aufgebraucht sein wird, sowieso nicht verschwunden sein kann. Und eh sich auf diese Schicht ein neuer Nuß genährter Baumring setzt… . Ja, vielleicht. Vielleicht aber trägt ja auch mein neuer Erdnussboykott Früchte, weil die Welt diesen Präsidenten ohne Erdnüsse gar nicht so lange erträgt.