die säge

Die Säge

Alltagsträumereien, Produktive Highlights

Seit fast dreißig Jahren bin ich im Besitz, und ich scheue mich hier wirklich von Eigentum zu sprechen, auch wenn das rein rechtlich zuträfe, eines alten Sägebogens. Eine 80 mm Handsäge zum Einspannen dünner Metallsägeblätter aus dem Goldschmiedebedarf. Umgangssprachlich würde so ein Gerät vermutlich „Laubsäge“ genannt. Zumindest die Modelle mit größerem Bogenmaß.
Dieser Bogen jedenfalls, bestehend aus einer robusten Eisenlegierung, zeigt inzwischen die vielfältigsten Farben und Muster verschiedenster Oxidationsvarianten auf seiner Öberfläche. Bräunlich bis schwarz in den Vertiefungen des im Gußverfahren hergestellten Bogens. Auch an den Stellen, die nie oder nur höchst selten mit dem Menschen in Berührung geraten, braun bis tiefschwarz. Silbern, nahezu glänzend hingegen dort, wo die Hand des Machers wenn nicht ständig, dann doch regelmäßig in Berührung mit dem Werkzeug steht. Auf der einen Seite des Bügels sind die Zeichen K & S eingestanzt, vermutlich Angaben des Herstellers. Es gibt tatsächlich, laut Internet, noch einen Hersteller für Werkzeug mit diesem Namen. Ob es sich um dieselben K&S handelt? Sägebögen gehören zumindest jetzt nicht mehr in deren Repertoire.
In verlängerter Flucht zum Sägeblatt sitzt die eigentliche Seele dieses Werkzeugs: Der Handgriff. Dieser aus Holz bestehenden Komponente ist die Materialherkunft kaum noch anzusehen. Fette verschiedenster Herkunft haben ihre Patina und mechanische Spuren Abdrücke hinterlassen. Abdrücke, die auf eine artgerechte, Willens gebende Handhabung schließen lassen. Trotzdem ist der Griff insgesamt so glatt wie ein Babypopo. Wer einmal diese Säge in der Hand hatte, spürt sofort wer hier wen zu führen hat. Und das es manchmal eben doch anders kommt.
Am dem Tag als diese Säge zu mir kam, kam ich in eben diese Goldschmiede. Sie, das Werkzeug, wurde aufwändig aus einer überfüllten Schublade herausgekramt. Viele andere Exponate gleicher Funktionsweise wurden verächtlich liegen gelassen, und so bekam ich SIE das erste Mal in die Hand. Freilich mit der Bemerkung, man müsse mal schauen, ob sie noch funktioniere. Das ein oder andere Unterlegscheibchen an der Spannvorrichtung und etwas Nacharbeit im Spannfutter waren schon nötig, um diesem alten Gerät noch auf die Sprünge zu helfen. Aber schließlich gelang es mir, mit viel Geduld, dass sich dieses Werkzeug wieder seiner Aufgabe bewusst wurde: Ein Sägeblatt halten, spannen und führen. Tun, was verlangt wurde. Sägen. Eben. Und so absolvierte ich mit ihr nicht nur die Ausbildung, sondern auch viele Gesellenjahre und schließlich begleitete mich diese Säge während der Zeit meiner Sebstständigkeit.
Dieses Werkzeug hat vielen anderen Geräten, die inzwischen im neuen Jahrtausend vielfach benutzt werden, eines voraus: Sie funktioniert immer. Solange noch ein Ersatzsägeblatt vorhanden ist. Kein hochstilisiertes Nachfolgemodell entzieht ihm die Aufmerksamkeit. Und immer, wenn mir nach Sägen zumute ist, ja das passiert, brauche ich nur in den Keller zu gehen und finde mein Werkzeug einsatzbereit vor. Kein Akku, der geladen werden muss, kein Update, welches mich warten lässt mit der Arbeit zu beginnen . Kein aufploppendes Fenster, welches mich vor Virenaktivität warnt. Höchstens mal ein blutender Zeigefinger. Schnell mit einem Pflaster wieder hergestellt. Kommunikation freilich nur zwischen Kopf, respektive Bauch, und Hand. Aber eben genau das macht diese Säge zu einem Teil vom Machenden. Sie wird zu einem Körperteil des Schaffenden.
Eins würde ich dennoch zu gern noch erfahren. Ein oder eine Vorbesitzerin, wie ich es auch einmal sein werde, denn so ein Gerät wird weiter gegeben, hat im Holzgriff seine oder ihre Initialen hinterlassen: „H.S.“ Henriette? Holger? Hans? Das herauszufinden ist unwahrscheinlich geworden. Und genau so unergründlich ist wohl, ob noch jemand nach mir dieses fabelhafte Gerät benutzen wird. Vielleicht landet es eines Tages im Museum. Wer weiß?